Ist Coaching noch zeitgemäß?

Als zertifizierter und ausgebildeter Coach habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung, was traditionelles Coaching so alles vermag.

Die Anfänge des Coachings liegen noch gar nicht so lange zurück. Es begann in den 1980er Jahren, als es darum ging, in einer immer wissensbasierteren Wirtschaft die größten Talente für sein Unternehmen zu gewinnen - und zu halten.

Ein neues Dienstleistungsspektrum entstand, nicht ganz so neue Methoden wurden entwickelt, um Mitarbeiter und (mögliche) Führungskräfte zur Entfaltung ihres vollen Potenziales zu bringen. Der Ursprung jener Ansätze lag in der psychologischen Beratung und Therapie. Und deren Kernthema ist, Klienten selbst zur Lösung des Problems zu bringen, ohne als Gesprächspartner dabei regulierend, eingreifend oder kritisierend zu wirken. Eine positive, wohlwollende und unkritische Atmosphäre ist bei psychischen Belastungen oder Störungen sicherlich unabdingbar.

Aber ist eine gefühlsbetonte und wohlwollende Herangehensweise auch im beruflichen Alltag zielführend?

Was soll Coaching im heutigen Arbeitsumfeld bewirken? Mitarbeiter und insbesondere Führungskräfte werden gecoacht, um besser mit den Anforderungen des Arbeitsalltages zurecht zu kommen, bessere Performance zu leisten und motivierter in und für ihr Umfeld zu agieren.

Ist es da für die Coachees wirklich hilfreich, nur selbstreflektiert, unkritisch, maximal wohlwollend und mit ausschließlich unterstützendem Feedback „konfrontiert“ zu werden? Meines Erachtens und meiner Erfahrung nach nicht.

Warum kommt traditionelles Coaching schnell an seine Grenzen?

Der therapeutische non-direktive Ansatz, also keinen Einfluss auf seinen Klienten zu nehmen, ist an sich schon ein Mythos. Wie der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bereits vor 40 Jahren postulierte: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Selbst mit dem besten Vorsatz und möglichst geringer Interaktion beeinflusst ein Coach seinen Coachee.

Gleichzeitig bedeutet der Weg der selbstreflektierenden Erkenntnis auch, dass die Lösung zu einem Problem aus einem selbst kommen muss. Manchmal dauert dies eben auch ein wenig länger. Ist das in einem beruflichen Kontext, z.B. bei akuten Schwierigkeiten mit einem Mitarbeiter, wirklich sinnvoll? In einem Kontext, in dem der Coachee bisweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht?

Verlässt man allerdings den Pfad des traditionellen Coaching, kann der Coach durch seine Erfahrung und Expertise Vorschläge unterbreiten, die den Coachee vielleicht aus dem Wald auf die Lichtung bringen. Von dort aus kann der Betroffene über die Anpassung der Lösungsvorschläge an seine eigene Persönlichkeit und sein Arbeitsumfeld ideal weiter agieren.

Meine Erfahrung aus weit über 1000 Einzelgesprächen hat mir gezeigt, dass Führungskräfte gerne von der Erfahrung anderer in einer ähnlichen Situation lernen. Hier ist jedoch ein Grundsatz entscheidend: Die vorgeschlagene Lösung darf nicht der einzige Weg sein. Der Ratgeber muss seinem Schützling unterschiedliche Handlungsvarianten aufzeigen, um es ihm zu ermöglichen, die für ihn passende Lösung zu adaptieren. Alles andere wäre zu nahe an der negativen Manipulation. Grundvoraussetzung hierfür wiederum ist eine bereite und vielschichtige Berufserfahrung des Ratgebers oder Coaches.

Der non-direktive Ansatz ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb traditionelles Coaching im Berufsalltag zu überdenken ist. Erfahren Sie in meinem nächsten Blog-Artikel weitere Thesen, die Sie vielleicht so noch nicht wußten.

Aktuelle Artikel